Tuohea war der König des südlichen Hao.
Lange Zeit nach Munanui wurde der König des südlichen Hao geboren. Er kam im nördlichen Teil der Insel Hao zur Welt. Der Name seines Vaters erscheint in der Geschichte einiger Vorfahren der Insel.
Als Tuohea geboren wurde, besaß er vier Augen. Seine ungewöhnliche Erscheinung versetzte seinen Vater und seine Mutter in Angst. Sie trugen ihn in den südlichen Teil der Insel und ließen ihn dort zurück. Böse Geister nahmen sich während seiner Kindheit seiner an.
Als er erwachsen geworden war, konnte kein Mensch den südlichen Teil der Insel betreten, ohne von ihm gefressen zu werden. Er lebte unter der Erde auf den beiden Inselchen Opokara und Onikau. In der gesamten Gegend zog er umher und suchte nach Nahrung.
Sein Gewand bestand aus dem Regen, dem Meer, dem Wind und der Sonne. Er trug keinerlei Kleidung und ging an all diesen Orten völlig nackt umher.
Sein Körper war riesig, und die bösen Geister dieses Teils der Insel standen in seinen Diensten. Einige Dinge hatte er zu Gottheiten erhoben und sich selbst verboten, sie zu essen. Sollte er das Verbot übertreten, musste er sterben.
Niemand konnte sein südliches Gebiet betreten. Kanus, die sich dorthin wagten, wurden vernichtet.
Damals besuchte daher kein Mensch diesen Teil der Insel. Alle fürchteten sich davor, von dem vieräugigen Wilden und Menschenfresser angefallen zu werden, dessen Anwesenheit ihnen bekannt war.
Seine Brüder und seine Schwester beschlossen dennoch, in diese Gegend zu fahren. Sie wussten nämlich, dass das Ungeheuer ihr älterer Bruder war, denn ihre Eltern hatten es ihnen offenbart.
Unter dem Vorwand, fischen zu gehen, brachen sie auf. Sie fingen einige Fische und gelangten auf ihrer weiteren Fahrt zum Land Onikau.
Die Brüder sagten zu ihrer Schwester:
„Geh an Land und versuche, unserem Bruder Tuohea zu begegnen. Sollte er bei deinem Anblick nicht sanftmütig werden, dann verführe ihn und sage: ‚Wie, willst du mich nicht zur Frau nehmen?‘ Sage ihm auch andere schamlose Dinge, damit er sich in deiner Gegenwart beruhigt.“
Ihre Schwester ging mit einem Vorrat an Fischen an Land.
Als sie ankam, befand sich Tuohea am Strand. Er ergriff sie und presste sie mit seinen Armen an sich.
Sie bat ihn, sie nicht so fest zu drücken, und sagte dann:
„Du sollst mich zu deiner Frau nehmen. Du bist ein großer und schöner Mann, und ich begehre dich sehr. Deshalb bin ich gekommen. Die Menschen dort draußen auf dem Meer haben mich verlassen und kehren nun heim. Hab Mitleid mit mir.“
Unter Tränen sprach sie diese Worte vor Tuohea.
Sein Herz wurde weich. Er umarmte sie, nahm den Vorrat an Fischen, und beide verschwanden unter der Erde.
Bald wollte Tuohea hinausgehen, doch die junge Frau hielt ihn davon ab.
„Bleib hier bei mir, in diesem Land, in dem ich mich so sehr davor fürchte, allein zu sein.“
Da sie dies unter Tränen sagte, blieb Tuohea bei ihr und kehrte in eine Höhle zurück. Die junge Frau entfachte ein Feuer, um ihre Nahrung zu kochen.
Nachdem sie die Speisen zugedeckt hatte, ging sie selbst zu Tuohea in die Höhle. Sie fragte ihn, was er wisse und wer er sei.
Er antwortete:
„Ich bin der König des Südens. Meine Leute sind die bösen Geister. Meine Wohnstätten befinden sich unter der Erde in Onikau und Opokara, wo ich jeden Tag lebe.
Wenn ich umhergehe und müde werde, schlafe ich auf den Steinen in der Lagune. Ich empfinde weder Kälte noch Schmerzen. Während ich ruhe, schlafen zwei meiner Augen, und die beiden anderen wachen.
Als Nahrung bevorzuge ich Menschenfleisch. Es ist köstlich.
Der Hai, die große Meerbarbe und der Thunfisch sind mir heilig, und ich habe mir selbst verboten, sie zu essen. Die Gräten dieser Fische sind Götzenbilder, die ich verehre.“
In diesem Augenblick erkannte die junge Frau Tuoheas Geheimnis vollständig.
Sie sagte zu ihm:
„Das genügt. Schlaf jetzt. Ich werde unser Essen zubereiten.“
Die junge Frau ging hinaus, um die Speisen vorzubereiten. Anschließend betrat sie die heilige Einfriedung, stahl die von Tuohea vergöttlichten Fischgräten und verbarg sie an ihrem Körper.
Dann weckte sie Tuohea und forderte ihn auf, zum Essen zu kommen.
Er stand auf und kam heraus. Die Fische waren bereits aufgetragen. Nachdem die junge Frau alle Fischarten vor ihnen niedergelegt hatte, war Tuohea nicht imstande, diejenigen zu erkennen, die er für heilig erklärt hatte.
Sie aßen. Als sie satt waren, begab sich Tuohea in die Einfriedung und schlief ein.
Die junge Frau stand auf, lief zum Meeresufer und gab ihren Brüdern ein Zeichen, damit sie sie abholten.
Ihre Brüder paddelten heran, nahmen ihre Schwester in das Kanu auf und fuhren auf das offene Meer hinaus.
In diesem Augenblick spürte Tuohea, wie Schauder seinen ganzen Körper durchliefen. Von ihrem Kanu aus hatten seine Brüder ihn mithilfe der Fischgräten verzaubert, welche ihre Schwester gestohlen und aus Tuoheas Einfriedung hinausgetragen hatte.
Sie beobachteten Tuohea, der am Strand stand und wie ein betrunkener Mann taumelte.
Tuohea machte sich dennoch auf den Weg und gelangte bis nach Opokara. Dort stürzte er zu Boden, während ihm das Kanu entlang des Strandes folgte.
Als seine Brüder erkannten, dass Tuohea dem Zauber vollständig erlegen war, dass er nun zu Boden gefallen war und sich nicht mehr erheben oder weitergehen konnte, landeten sie ihr Kanu genau an der Stelle, an der er zusammengebrochen war.
Sie gingen an Land, nahmen Tuohea und legten ihn in das Kanu.
Er war noch nicht tot. Sein ganzer Körper war lediglich durch das Gift der Fische, die er gegessen hatte, und durch den Zauber seiner Brüder geschwächt.
Man legte ihn ausgestreckt in das Kanu. Sein Körper bewegte sich nicht mehr, doch seine Stimme sprach noch:¹
„Ich bin König Tuohea,
der König des großen Südens,
des Südens, in dem es keine Bäume gibt
und in dem nur ein Riff liegt.
Meine Gewänder sind der Regen,
der Wind und die Sonne.
Meine vier Augen blicken
nach oben und nach unten,
doch nun wird mein Blick trübe.
Ich sterbe in Opokara.
In Opokara bin ich
zum letzten Mal gegangen;
in Onikau werde ich
zum letzten Mal bleiben.
Ich werde das Menschenfleisch
zwischen meinen Zähnen nicht mehr entfernen können,
und meine Leute werden nun unglücklich sein.“
Er wiederholte diese Worte im Kanu, bis sie Onikau erreichten.²
Dort starb Tuohea. Seine Brüder und seine Schwester trugen seinen Körper an Land und begruben ihn.
Danach kehrten sie nach Hause zurück.
Zwischen den Ländern Onikau und Opokara, in denen sich Tuoheas Einfriedungen und Wohnstätten befinden, liegt eine große Entfernung.
Erst von diesem Zeitpunkt an, nachdem Tuohea durch das Gift und den Zauber gestorben war, konnten die Menschen die südliche Küste wieder betreten.
Und hier endet die Geschichte König Tuoheas.
Anmerkungen des Autors
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Alles, was zwischen Anführungszeichen steht, wird im alten Paumotu-Dialekt gesprochen.
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Von diesem Punkt an setzt der Erzähler seinen Bericht im modernen Paumotu-Dialekt fort.
