Theobaldus oder Ubaldus, auch Dieboldus genannt, ein frommer Bischof, lebte zu Eugubin in Umbria zu Anfang des zwölften Jahrhunderts in sonderbarer Andacht und Heiligkeit; also zwar, daß er auch die bösen Geister mit seiner bloßen Gegenwart erschreckte und auf seinen Befehl von Stund an aus den besessenen Leibern weichen machte. Alles, was er hatte, gab er den Armen; für sich aber behielt er nichts als für die höchste Notdurft und ein einziges schlechtes Ruhebettlein, auf welchem er bei achtzehn Jahre mit dem Fieber hart geplagt und krank darnieder gelegen.
Nun hatte Theobaldus einen Knecht, der ihn in diesem mühseligen Zustand mit vieler Liebe und Treue versorgte, ohne daß derselbe außer Kost und Obdach irgend etwas als Lohn empfangen hätte; auch war wenig für ihn zu hoffen, worüber er sich manchmal Gedanken machte, wenn er an sein eigenes Alter dachte und an die Beschwerlichkeiten, denen er vielleicht noch ausgesetzt würde.
Solches vermerkte nun Theobaldus im Geiste an seinem Diener und sagte einstmals zu ihm: „Mein lieber und getreuer Knecht, sei getrost und laß dich meine Armut, so ich mir freiwillig und Gott zu lieb ausgebürdet habe, nicht bekümmern; der Herr, dem du und ich dienen, wird dir den Lohn, den ich dir nicht bezahlen kann, mit zeitlichen und ewigen Mitteln reichlich ersetzen. Jedoch, damit du nicht gar leer und unbelohnt von mir abweichest, so nimm dir, wenn ich auf dem Totenbett liegen werde in meinem bischöflichen Ornate, den goldenen Ring von meinem rechten Daumenfinger hinweg und gehe damit in Gottes Namen davon in deine Heimat; Gott wird dein Geleitsmann sein und Belohner.“
Theobaldus starb, wie er es vorhergesagt hatte, am 16. Mai 1161. Der treue Diener wachte und betete allein bei dem Leichname seines seligen Herrn und Bischofs, und seines Wortes eingedenk, wollte er ihm unter vielen Tränen und Zittern den Ring vom Daumen abstreifen. Er zog daran; aber wie groß war sein Schrecken, als nicht nur der Ring, sondern auch das obere Gelenk des Fingers in seiner Hand blieb! Er faßte sich jedoch und dachte, daß dies der Wille Gottes und ein Zeichen sei, daß die Worte seines Herrn in Erfüllung gehen sollten.
Er nahm nun das Heiligtum zu sich und verschloß es sorgsam in den obersten Knopf seines Stabes, tat ein Pilgerkleid an und zog getrost durch Wälschland, über das hohe Alpengebirge und kam den ersten Heumonat glücklich bis in den Flecken Alt-Thann. Als er denselben durchschritten hatte und noch denselben Tag über die Steig, oder das lothringische Gebirg, bei Urbis gelangen wollte, fühlte er in der großen Hitze Mattigkeit und Schlaf. Er stellte seinen Stab an einen Tannenbaum, mitten im Walde, der sich damals zu beiden Seiten des Tals und südlich hin bis in die Ebene erstreckte, und legte sich nieder, um eine Weile in der Kühle auszuruhen.
Die Sonne wollte schon untergehen, als er wieder aufwachte und nach seinem Stabe griff, um seine Reise fortzusetzen. Allein, o Wunder! der Stab ließ sich nicht bewegen und war wie am Baume angewachsen; auch versuchte es der Diener vergeblich, den Knopf zu öffnen und sein heiliges Kleinod herauszunehmen. Er geriet in Schrecken und verzweifelte beinahe an der Wahrhaftigkeit seines Herrn. Er lief in großen Ängsten im Walde umher und rief die Wald- und Bauersleute zusammen, die auch bald in großer Menge herbeiströmten, das Wunder anzusehen.
Gegen der Stelle über, wo dasselbe geschah, auf dem nahen Bergschlosse, Engelburg genannt, residierte dazumalen der Landesherr Graf Engelhard oder Friedrich der Jüngere von Pfirt. Derselbe sah zu einem Fenster seines Gemaches hinaus und gewahrte drei hellglänzende Lichter über einem großen Tannenbaum im Walde hinschweben. Da däuchte es ihn, es möchte sich daselbst etwas Seltsames begeben, und ehe der Tag zu bleichen begann, eilte er mit seinem ganzen Ingesinde zu dem Orte hin, wo er eine Menge Volks von nahe und von fern her um den Baum versammelt fand. Er vermerkte alsobald mit seinen Geistlichen, daß dieses Wunder und die ganze Begebenheit, die ihm der traurige und verwirrte Pilgersmann erzählte, ein Fingerzeig des Himmels sei.
Er gebot also der ganzen Versammlung, auf die Knie zu fallen, und nachdem er laut gebetet hatte, gelobte er, Gott und dem heiligen Theobaldus zu Ehren, eine Kapelle oder Kirchlein an dem Orte zu bauen und das Heiligtum darin zur allgemeinen Verehrung auszusetzen. Mit diesem Gelübde und mit glaubensvollem Herzen stand er auf und ergriff den Stab, der sich sogleich wegnehmen und öffnen ließ.
Die heilige Reliquie wurde unterdessen in der Pfarrkirche von Alt-Thann aufbewahrt und sodann nach der neuerbauten Kapelle gebracht, an deren Stelle sich später das wundervolle Münster erhob.
Den Pilger aber behielt der Graf lange Zeit in seinem Schlosse und entließ ihn endlich mit reichen Geschenken, als er begehrte, in seine Heimat zurückzukehren.
Die Wunderzeichen, welche die Reliquie verrichtete, zogen immer mehr und mehr Pilger aus allen Ländern, selbst bis aus den nordischen Seeländern, herbei. Nach und nach wurde der ganze Wald an der Talmündung gelichtet und Häuser gebaut, und es entstand die Stadt Neu-Thann, jetzt nur geradeweg Thann genannt, welche, zur Erinnerung an das wundervolle Ereignis, eine Tanne im Wappen führt; auch auf den daselbst von 1418 bis 1628 geschlagenen Münzen ist eine Tanne abgebildet.