Am Rheinkopf, einem hohen Berge des schönen Münstertals, lag ein fast vermoorter See, der jetzt künstlich gestaut ist, die Firstmiß (Altenweier) genannt. Derselbe soll vor vielen hundert Jahren ein tiefer, kristallheller See gewesen sein, in welchem mächtige Wassergeister hausten, welche den einsamen Wanderern oder den Berghirten oftmals erschienen, wenn sie in die Nähe des Sees kamen. Im Grunde desselben, so geht die Sage, hielten die Geister reiche Schätze verborgen. Unter andern sollte von Zeit zu Zeit ein herrlicher Wagen, ganz von gediegenem Golde gearbeitet, aus der Tiefe heraufsteigen und ans Felsgestade rollen, und wer diesen nur eine kleine Strecke weit über den Rand hinausbrächte, wo das Gebiet der Geister ein Ende hätte, dem würde er angehören; es dürfte aber während der ganzen Zeit kein Wort geredet werden, denn das würde den kühnen Unternehmer nicht nur wieder um das erworbene Gut bringen, sondern ihn noch in die größte Gefahr stürzen.
Drei Brüder, welche die Aussicht auf einen so reichen Gewinn gewaltig lockte, verabredeten sich einst, in einer gewissen Nacht, wo der Wagen gewöhnlich kam, denselben zu erfassen. Sie erschienen auch vor Mitternacht an der Stelle und sahen bald auf den rauschenden Wellen des Sees den goldenen Wagen emporsteigen. Die Brüder zitterten vor Angst und Freude und machten sich gegenseitig durch Zeichen aufmerksam, daß sie doch ja ihr Glück nicht durch ein vorlautes Wort verscherzen wollten. Schon war der Wagen über dem Wasser und näherte sich dem Ufer. Schnell faßten nun die Brüder die goldene Deichsel und zogen mit rüstigen Armen und hatten den Wagen schon eine gute Strecke über den Abhang gezogen; da rollte ein Stein herab und hemmte eines der Räder. „Zieht nur frisch voran“, rief einer von ihnen, „ich will ihn schon herauskriegen!“ Kaum war das letzte Wort gesprochen, so wurden alle drei von gewaltigen unsichtbaren Händen ergriffen und in den Wagen geschmettert, der mit seiner Beute im Wasserschlunde versank.


